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Alles Gute zum 56. Geburtstag, liebe Teresa!

Heute – und nicht nur heute – wird mir wieder schmerzlich bewusst, wie sehr du mir fehlst. Du hast ein Leben vorgelebt, das in allem, was du unternommen hast, geradezu radikal war: ehrlich, aufrichtig, ohne faule Kompromisse. Du hast geliebt bis zur Selbstaufgabe, und für die dir übertragenen Aufgaben hingebungsvoll gekämpft. Was du erlebt und vollbracht hast, hätte für mehr als ein Leben ausgereicht. Du warst wie eine Kerze, die an zwei Enden brennt und das Leben zahlreicher Menschen positiv beeinflusst hat. Nichts war dir egal, in allem hast du Stellung bezogen. Mit deinem untadeligen Lebenswandel und starken Argumenten konntest du deine Meinung untermauern und deinen Gegnern so den Wind aus den Segeln nehmen. Wer mit dir stritt, musste sich warm anziehen; wen du ins Herz geschlossen hast, hatte eine ewige Freundin gewonnen. Du wirst niemals vergessen sein, niemals! Der Stern auf dem Walk of Fame in den Ewigen Hallen des Ruhms war bereits für dich reserviert, als du deine irdische Reise begonnen hast. Dein Schöpfer wusste, was für ein besonderer Geist du warst. Deswegen hat er dir ein Leben ermöglicht, in dem du nichts geschenkt bekommen hast, sondern dir all deine Errungenschaften selbst hast erarbeiten müssen.  Ob ich der Richtige war, dich mehr als die Hälfte deines Lebensweges zu begleiten, dich deinem Kulturkreis und deiner Familie zu entziehen? Manchmal zögere ich, wenn ich über eine Antwort nachdenke. Aber heute denke ich: ja, es war richtig. Du wärst in deiner alten Umgebung eingegangen wie eine verwelkende junge Pflanze ohne Aussicht auf Wasser und Sonne. Der radikale Wechsel hat dir geholfen, zu dir selbst zu finden und die Vergangenheit hinter dir lassen zu können. Ich danke dir für 26 wunderbare Jahre an deiner Seite!

Teresa bei unserer Hochzeitsreise vor einem Konfuzius-Denkmal
Teresa im YangMingShan-Nationalpark
Teresa im YangMingShan-Nationalpark bei Nebel

 

 

 

Ein Traum

Heute ist Teresas 55. Geburtstag. Diesen Tag habe ich mir immer freigenommen, um etwas besonderes mit ihr zu unternehmen – so auch heute. Meistens haben wir einen Ausflug in die Berge gemacht. Heute kam mir in den Sinn, einen Traum aufzuschreiben, den ich vor gut eineinhalb Jahren hatte und in dem Teresa die Hauptrolle spielt. Dazu muss ich sagen, dass ich ausgesprochen selten von ihr träume und ich mich zudem nach dem Aufwachen meistens nur noch bruchstückhaft oder überhaupt nicht mehr daran erinnern kann, was ich geträumt habe. Hier nun mein Traum vom Januar 2016:

Neulich habe von Teresa geträumt und davon, dass ich sie im Krankenhaus besucht habe. Es schien ihr gar nicht schlecht zu gehen, und wir haben darüber gesprochen, dass wir zusammen essen gehen wollen. Eine Krankenschwester trat hinzu und bat Teresa, ihr in ein anderes Zimmer zu folgen. Es hieß, sie seien nur kurz fort. Beide waren dann aber längere Zeit weg, und ich begann, mir Sorgen zu machen. Schließlich beschloss ich, nach Teresa zu suchen.

Schon bald hörte ich laute Stimmen, und als ich Teresa schließlich fand, musste ich feststellen, dass die Krankenschwester sie anschrie. Daraufhin habe ich sie zurechtgewiesen und ihr gesagt, dass sie meine Frau nicht anschreien darf. Die Krankenschwester war aber sehr aggressiv, und so versuchte ich, ihre Hände nach unten zu drücken. Da sie sehr kräftig war, widerstand sie mir, und eine Zeitlang rangen wir miteinander. Die Situation war sehr schwierig, und Teresa nützte den Moment, um an mir vorbeizulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Nachdem ich Teresa in Sicherheit wusste, ließ ich von der Krankenschwester ab. Nach diesem unschönen Erlebnis suchten Teresa und ich dann ein anderes Krankenhaus auf.

In dem anderen Krankenhaus hatte Teresa ein sehr kleines Zimmer und zunächst Probleme, die Tür mit ihrem Schlüssel aufzusperren. Schließlich ging es aber doch, und wir konnten hinein. Anschließend besprachen wir, dass wir regelmäßig mittags gemeinsam essen wollen. Ich musste die ganze Zeit weinen und sagte ihr, wie glücklich sie mich macht. Doch Teresa entgegnete, es sehe gar nicht so aus, als ob ich glücklich sei, denn schließlich würde ich doch ununterbrochen weinen. Daraufhin wurde ich noch trauriger, und ich musste nur noch mehr weinen.

Dann fragte ich sie, wie es ihren Lymphknoten geht, und Teresa meinte, alles sei schon viel besser, und vom Krebs würde man eigentlich nicht mehr so viel sehen. Man könne aber auch nicht viel sehen, weil der Krebs ja schließlich im Körper sei. Jedenfalls hegte ich daraufhin die große Hoffnung, dass sie vielleicht doch wieder gesund werden könnte. Als wir uns dann gemeinsam auf die Suche machten, wohin wir essen gehen könnten, haben wir erst einmal nichts passendes gefunden. Es gab da nur Geschäfte mit Haushaltswaren und dergleichen, aber keine Restaurants.

An dieser Stelle bin ich aufgewacht. Was der Traum wohl bedeuten mag? Ich stelle mir vor, dass die Krankenschwester für die Schulmedizin steht, der Teresa zutiefst misstraut hat, und vor der sie in diese kleine Klinik südlich von Pirmasens im Pfälzer Wald geflohen ist. Dort wurde ihr Hoffnung gemacht, wieder gesund werden zu können, eine Hoffnung, die sich – wie wir alle leider wissen – nicht bewahrheitet hat. An unserem Hochzeitstag, dem 12. Februar 2014, sind wir ein letztes Mal gemeinsam zum Essen ausgegangen. Wir sind über die nahegelegene Grenze nach Frankreich gefahren, eine sehr kurvige Strecke. Ich musste extrem vorsichtig fahren, weil Teresa sehr leicht übel wurde. Wieder in der Klinik angekommen, war sie sehr schwach und musste sich schließlich übergeben. Damals war es mir natürlich nicht bewusst, aber es war unser letztes Rendez-Vous, und sie ist sehr tapfer gewesen.

Teresas dritter Todestag

Am 14. April 2014 war der Missionspräsident Richard L. Miles mit seiner Frau Brenda im Augsburger Gemeindehaus zu Besuch. Die beiden haben sich nach den Versammlungen mit mir noch unterhalten wollen, und so zogen wir uns in ein Nebenzimmer zurück. Dort haben sie mir ein kostbares Geschenk überreicht: Neben einer CD mit dem Tabernakelchor („Peace like a river“) noch ein Album mit Zeugnissen vieler Missionarinnen und Missionare, die Teresa gekannt haben. Manche hatten sie zwar nicht gekannt, auf ihrer Mission aber von ihr gehört. Die meisten der Zeugnisse und Schilderungen von Erlebnissen haben mich zu Tränen gerührt. Es wurde deutlich, wie sehr Teresa die Liebe zu den Menschen verinnerlicht hatte. Diese Liebe war ihr innerer Antrieb, und sie befähigte sie zu außergewöhnlichen Leistungen. Ich bin für dieses kostbare Album sehr, sehr dankbar.

Album der Missionare

Lieber Bruder Gebauer,

es ist mir eine Ehre, mein Andenken an Ihre liebe Frau in Worte zu fassen. Ihre Taten versetzen einen in Erstaunen. Sie war ein großartiges Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage und eine treue Missionarin.

Als ich Schwester Gebauer das erste Mal begegnete, hatten meine Frau und ich gerade erst unsere Mission angetreten. Sie wollte mich nur wissen lassen, dass sie bereit sei, eine musikalische Fireside für den Pfahl München und insbesondere für die Freunde der Kirche auf die Beine zu stellen, die von unseren Missionaren betreut werden. Sie war unglaublich begeistert und beharrlich. Mir dämmerte langsam, wie erstaunlich sie war. Ihre Begeisterung war überaus ansteckend; nie hörte sie auf zu lächeln oder anderen Gutes zu tun.

Im Verlauf der nächsten zweieinhalb Jahre zauberte es auch mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht, wenn mir wieder einer der zahlreichen Berichte über ihre Missionsarbeit zugetragen wurde. Eine wahrlich erstaunliche Missionarin! Schwester Gebauer hat verinnerlicht, was Elder M. Russel Ballard bei der Herbst-Generalkonferenz 2013 zum Ausdruck brachte:

„Wenn Sie dauerhaft Liebe und Hoffnung in sich tragen, gilt Ihnen die Verheißung des Herrn: ‚Erhebt eure Stimme zu diesem Volk; sprecht die Gedanken aus, die ich euch ins Herz geben werde, dann werdet ihr vor den Menschen nicht zuschanden werden.‘“

Wir alle wissen, dass Schwester Gebauer in diesem Leben nicht vor den Menschen zuschanden wurde, und ich bin mir sicher, dass dies auch auf der anderen Seite des Schleiers nicht der Fall ist. Sie war durch und durch eine Jüngerin Christi und seinem Evangelium, das sie von ganzem Herzen geliebt hat, treu ergeben. Mögen wir alle bereit sein zu geben wie sie von sich gegeben hat. Wir haben sie sehr ins Herz geschlossen.

Präsident Richard L. Miles

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Teresas Gedenkstätte

Heute, am 29. September 2016, ist Teresas Geburtstag. Die Gestaltung ihrer Gedenkstätte auf dem Stätzlinger Friedhof hat sich mehr als zwei Jahre hingezogen, das lange Warten hat sich aber meines Erachtens mehr als gelohnt.

Als ich einen Freund neulich auf den Friedhof führte und ihm vorher erklärte, dass er ein paar Dinge zu sehen bekommen würde, die Teresa besonders am Herzen lagen, meinte er spontan: „Da ist bestimmt etwas mit Musik dabei!“ Als ich das hörte, musste ich schmunzeln. Es ist ja bereits ausgesprochen schwierig, gute Musik angemessen mit Worten zu beschreiben. Sie bildhauerisch darzustellen, erfordert wohl wirklich große Kunst. Außer der Musik waren Teresa aber noch andere Dinge wichtig. An dieser Stelle ist es wohl angebracht, ihre Katze Mao-Mao zu erwähnen. Teresa war ja nicht nur tierlieb, sondern hatte die Gabe, sich auf besondere Weise in Tiere hineinzufühlen. Und zu Mao-Mao hatte sie eine äußerst innige Beziehung, wie man auf dem einen oder anderen  Foto recht gut erkennen kann:

Mao-Mao folgte Teresa, wenn sie das Haus verließ, brachte sie zum Bus und wartete vor Geschäften. Er war tatsächlich eine Art Seelenverwandter, und sie konnte auf einer spirituellen Ebene mit ihm kommunizieren.  Mao-Mao musste im Dezember 2011 nach schwerer Krankheit im Alter von 18 Jahren eingeschläfert werden. Teresa war fest davon überzeugt, dass sie ihrem Kater im Jenseits wieder begegnen würde.

Obwohl  Teresa der Musik, den Tieren und nicht zuletzt ihrem Ehemann viel Zeit widmete, stand im Zentrum ihres Lebens stets Jesus Christus und sein Evangelium. Als ich darüber nachdachte, wie Teresas Gedenkstätte gestaltet werden könnte, fand ich es passend, diese zwei Aspekte ihres Lebens darzustellen. Also beschrieb ich dem Bildhauer ein Ensemble, in dem Christus im Mittelpunkt stehen sollte. Ihm gegenüber sollte eine Frau mit einer Katze im Arm knien und zu ihm hinblicken. Nach einer langen Phase der Planung war ich endlich zufrieden und erteilte die Freigabe zur Fertigung der Figuren. Die Jesus-Statue ist eine genaue Replik der berühmten Christusfigur von Bertel Thorvaldsen, die in Kopenhagen in der Liebfrauenkirche besichtigt werden kann. Sein Christus ist gütig und breitet die Arme aus, um alle willkommen zu heißen, die zu ihm kommen wollen. Keine andere Abbildung von Christus kommt dieser gleich – Teresa mochte sie sehr. Die kniende Frau mit der Katze stellt sie dar. Sie trägt ein schlichtes Kleid, hat ihren Mao-Mao auf dem Arm und erwartet ihren Heiland, dessen treue Jüngerin sie ihr ganzes Leben lang gewesen war. Auf dem elegant geschwungenen Stein steht auf Deutsch und auf Chinesisch zu lesen: „Dein Wille geschehe.“ Diese Worte bilden im Grunde das Lebensmotto Teresas und waren ihre letzten Worte, bevor sie durch ihre Krankheit die Kontrolle über ihren Körper und damit auch über ihre Sprache zunehmend verlor. Sie sind Ausdruck des unbeirrbaren, festen Glaubens, von dem sie tief durchdrungen war.

Teresas Gedenkstätte im Stätzlinger Friedhof lädt zum Verweilen und Nachdenken ein. Sie soll an eine großartige, treue und wahrhaft christliche Frau erinnern, die sich durch Widrigkeiten in ihrem Leben nicht aus der Bahn werfen ließ und beharrlich ihren Weg gegangen ist. Sie soll auch daran erinnern, dass der Tod keine Macht über uns hat. Dank Christus kann sich der Mensch eines Tages über den Tod erheben und ewig in der Gegenwart seines Schöpfers im Kreis derer leben, die den Weg zuvor gegangen sind oder ihn noch gehen müssen.

Teresa hat diesen Weg hinter sich gebracht. Sie ist in die Ruhe ihres Herrn eingegangen, hat sich der irdischen Sorgen entledigt und harrt voll Freude auf ein Wiedersehen mit uns, die wir uns noch diesseits des Schleiers befinden.

Teresas zweiter Todestag

Teresa 1989 im Youth Park in Taipei
Teresa 1989 im Youth Park in Taipei

Morgen jährt sich Teresas Todestag zum zweiten Mal. Die vergangenen beiden Jahre waren äußerst turbulent – anfangs sehr schwierig, denn ein Leben ohne Teresa war für mich einfach unvorstellbar. Die Nächte, in denen ich weinend einschlief und die Tage, an denen ich mich morgens gramgebeugt aus dem Bett quälte und mich ohne Aussicht auf Besserung in die Arbeit schleppte, habe ich nicht gezählt; die überfallartigen Trauerattacken, die mich immer wieder tagsüber heimsuchten und die ich vor meinen Arbeitskollegen verbarg, ebenfalls nicht. Die tröstenden Worte von Freunden und Angehörigen, dass die Zeit alle Wunden heilen würde und ich eines Tages über diesen tragischen Verlust hinwegkommen würde – sie klangen in meinen Ohren schal und platt. Ich dachte mir: Sie haben keine Ahnung, sie wissen nicht wovon sie reden, sie haben es nicht selbst erlebt. Trost brachte mir erstaunlicherweise, nach und nach, etwas ganz anderes.

Ende April 2014, keine zwei Monate nach Teresas Tod, begab ich mich auf Spurensuche. Ein bestimmter Gedanke ließ mich nicht mehr los: ich wollte mich mit dem Theater Augsburg in Verbindung setzen und versuchen, für den Extrachor vorzusingen. Teresa hatte in diesem Chor selbst etwa fünf Jahre mitgesungen und war an zahlreichen Opernproduktionen im Großen Haus und auf der Freilichtbühne beteiligt gewesen. Ich folgte dieser Eingebung, und zu meiner großen Überraschung gelang es mir sofort, in den Chor aufgenommen zu werden. Den Frühsommer 2014 verbrachte ich also auf der Freilichtbühne – mit My Fair Lady, dem Musical, das Teresa selbst 15 Jahre zuvor an der gleichen Stelle gesungen hatte. Viele von den Chormitgliedern des Extrachors und auch des Opernchors kannten Teresa noch und hatten sie als nette Kollegin in guter und angenehmer Erinnerung. Ich war in eine Welt eingetreten, die Teresa vorbehalten und mir unbekannt gewesen war und die sich mir nun Stück für Stück öffnete.

Was für ein unvergleichliches Abenteuer das war! Die heilende Wirkung der Musik, von der Teresa immer wieder gesprochen hatte, war keine Einbildung – das konnte ich deutlich spüren! Dankbaren Herzens stand ich Abend für Abend auf der Bühne – erst auf der Freilichtbühne, später dann im Großen Haus – und erlebte die Meisterwerke des Musiktheaters hautnah mit. Im Lohengrin beispielsweise ist die Ouvertüre ergreifend schön, und da der Chor als Stillleben inszeniert war und sich gar nicht bewegen durfte, konnte ich diese Musik regelrecht in mich aufsaugen. Es hatte fast schon eine hypnotische Wirkung.

Im Chor habe ich auch Constanze kennengelernt. Sie antwortete mir auf eine Mailnachricht, die ich an alle Mitglieder des Extrachors gerichtet hatte und in der ich mich dafür bedankt hatte, so gut aufgenommen worden zu sein. Wir schrieben uns öfter, sahen uns natürlich auch auf der Bühne und bei den Proben, und verliebten uns am 2. Januar 2015 ineinander, als ich sie anlässlich eines Essens, zu dem sie mich eingeladen hatte, in München besuchte. Seit diesem Tag waren wir ein Paar, hielten das aber noch eine Weile vor den Kollegen im Theater geheim. Witzigerweise inszenierte uns der Regisseur von Macbeth, Lorenzo Fioroni, in dieser Produktion als Paar, und wir schlenderten Arm in Arm über die Bühne, obwohl niemand wusste, dass wir tatsächlich zusammengehörten. Fioroni hatte es gespürt!

Constanze und ich planten unsere Hochzeit für den 8. August 2015. Das ist ein besonderer Tag, da Augsburg das hohe Friedensfest feiert, das Standesamt in Friedberg aber geöffnet hat. Einen Tag später schon waren wir gen USA in die Flitterwochen entschwunden, wo wir unvergessliche Tage in Denver, Salt Lake City und Las Vegas verbrachten. Einer der vielen Höhepunkte dieser Reise war eine Probe mit dem Tabernakelchor im Konferenzzentrum in Salt Lake City unter dem Dirigenten Mack Wilberg.

Constanze musste ihrem geliebten München den Rücken kehren. Sie kündigte ihren Job und zog zu mir nach Friedberg, was für sie ein großes Opfer bedeutete. Eine ihrer ersten Ideen zur innenarchitektonischen Ausgestaltung unseres gemeinsamen Heims war, Teresas schönes Porträtfoto zu vergrößern, zu rahmen und prominent im Eingangsbereich zu platzieren. Dort hat auch eine Christusstatue – eine Nachbildung der berühmten Christusstatue von Thorvaldsen – ihren Platz gefunden. Es ist ein schöner, friedlicher Ort geworden, ein Ort der Andacht und der Erinnerung an eine Frau, die ein so erfülltes und reiches Leben geführt und so viele Menschen positiv beeinflusst hat.

In den letzten Monaten habe ich nicht viel auf Teresas Website veröffentlicht – zu frisch war der Schmerz in mir eingebrannt. Ihr Erbe und ihr Andenken sind aber keinesfalls in Vergessenheit geraten – im Gegenteil: ich bin heute dankbarer für sie denn je. Und das viele Material – in Form von Fotos, Tagebucheinträgen, Ansprachen, Notizen, Musikbeiträgen und  Videofilmen –, das es von ihr und über sie noch gibt, werde ich im Laufe der Zeit nach und nach veröffentlichen, denn sie hat es verdient, und ich fühle mich mittlerweile in der Lage dazu. Für mich war und ist Teresa eine der wahrhaft großen Frauen unserer Zeit, und ich bin meinem Vater im Himmel sehr dankbar dafür, dass ich 26 wunderbare Jahre lang für sie da sein durfte.

 

Teresa und das Vorsingen

Um als Sänger Erfolg zu haben – also einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu werden –, muss man vorsingen, und zwar entweder beispielsweise an einem Theater oder bei einer Agentur, die sich der Vermittlung von Künstlern für Auftritte widmet.

Teresa hat im Alter von 27 Jahren mit privatem Gesangsunterricht begonnen. Nachdem sie recht bald bemerkt hatte, dass sie Talent zum Singen hat und sich ihre Stimme zu entfalten begann, wollte sie natürlich auch gern wissen, ob sie sängerisch vor größerem Publikum würde bestehen können. Also meldete sie sich eines Tages für ein Vorsingen in München an. Soweit ich mich entsinne, wurde es von einer Agentur organisiert und fand an der Staatsoper statt. Teresa berichtete mir später, die Juroren hätten ihre Stimme wohlwollend beurteilt und ihr angeboten, sie an ein Opernhaus in der Provinz zu vermitteln. Da sie auf keinen Fall aus München wegwollte, nur um in einer fremden Stadt getrennt von ihrem Mann ein Engagement als Sängerin zu erfüllen, war das für sie keine wirklich überlegenswerte Option.

Später sang sie am Stadttheater Augsburg vor und machte ein paar Jahre im Extrachor mit, wo sie an vielen Produktionen im großen Haus und auf der Freilichtbühne mitwirkte (unter anderem My Fair Lady, Frau Luna, Nabucco, Lohengrin, …). Die Umgebung im Theater behagte ihr aus den verschiedensten Gründen jedoch nicht sonderlich. Unter anderem mochte sie nicht, dass sie vereinzelt auch sonntags auftreten musste. Für sie war der Sonntag der Tag des Herrn, und sie wollte in dieser Hinsicht keine Kompromisse eingehen. Aus diesem Grund verließ sie das Theater bald wieder und beschränkte sich im Wesentlichen darauf, vereinzelt abendfüllende Konzerte zu geben, hie und da  mit einzelnen Nummern aufzutreten und ansonsten in ihrer Eigenschaft als Musikverantwortliche für den Pfahl München dafür zu sorgen, dass andere glänzen konnten.

Eines Tages – es muss 2007 gewesen sein – bekam sie mit, dass eine Solo-Sopranistin von einem namhaften Augsburger Dirigenten für die Aufführung geistlicher Werke gesucht wurde. Also bewarb sie sich und sang ihm vor – das Vorsingen fand im Konzertsaal der Hochschule Augsburg statt. Dort steht ein Steinway-Konzertflügel, und Teresa brachte eine befreundete russische Pianistin mit, die sie beim Vorsingen am Klavier begleiten sollte. Der Dirigent nahm im Auditorium Platz; ich saß neben ihm. Teresa trug einige der Stücke vor, die sie im Laufe ihres Sängerlebens schätzen- und liebengelernt hat, vor allem von Puccini, ihrem Lieblingskomponisten. Diese Stücke hatte sie über viele Jahre hinweg immer wieder geübt und gesungen, und sie fühlte sich sichtlich mit und in ihnen wohl. Ich weiß noch, wie dieser Dirigent das Geschehen mit großen Augen verfolgte und bei manchen Stellen voller Ergriffenheit ausrief: „Das ist ja unglaublich!“ oder „Wahnsinn!“.

Es war offensichtlich, dass Teresa bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Nach dem Vorsingen bot er ihr an, den Sopran-Solopart im Mozart-Requiem zu übernehmen, das in der Jakobskirche in Friedberg und an einem weiteren Aufführungsort aufgeführt werden sollte. Teresa freute sich über das Vertrauen, das ihr der Dirigent entgegenbrachte und begann, sich auf die Konzerte so gut sie konnte vorzubereiten. Immerhin war es das erste Mal, dass sie mit großem Orchester singen sollte, und als Kammermusikerin war sie es auch nicht gewohnt, unter einem professionellen Dirigenten zu arbeiten. Es gab nur wenige Solistenproben kurz vor der Aufführung, und am Aufführungstag selbst fühlte sich Teresa nicht besonders wohl.

Es kam, wie es kommen musste. Bei den Proben lief es bereits nicht gerade reibungslos. Teresa kam mit der Dirigierweise nicht gut zurecht und war an manchen Stellen nicht ganz sicher, was den Tenor zu Sticheleien veranlasste. Wer Teresa kennt, weiß, dass ein derartiges Verhalten bei ihr nicht zu einer Leistungssteigerung führt. Im Gegenteil. Ihre Unsicherheit nahm noch zu, und am Tag des Konzerts hatte sie Intonationsprobleme und manche Einsätze klappten nicht ganz. Kurz vor Schluss unterschlug sie bei ihrem Schlusssolo auch noch einen Taktschlag und trieb so dem Dirigenten den Schweiß ins Gesicht. Nun hatte auch der letzte Zuhörer in der gut gefüllten Kirche mitbekommen, dass da etwas nicht gestimmt haben konnte.

Das zweite Konzert lief besser. Aber auch dort fehlte irgendwie der Glanz, und ihrer Stimme fehlte ein wenig die Klarheit und die durchdringende Präsenz, die sie normalerweise auszeichneten. Die Reaktion des Dirigenten kann ich bis heute nicht verstehen. Anstatt sie zu trösten und mit ihr die Ursachen der Fehler zu besprechen, um sie beim nächsten Mal vermeiden zu können, ließ er sie fallen wie eine heiße Kartoffel und sprach nie wieder ein Wort mit ihr. Zudem wurde ihr die Gage vorenthalten, die ihr eigentlich zugestanden hätte. Wenn ich an dieses Erlebnis zurückdenke, fällt mir hierzu nur der Begriff Niedertracht ein. So wurde uns vor Augen geführt, welch große Rolle die Eitelkeit in der professionellen Musikwelt spielt. Menschlichkeit ist in diesem Metier bedauerlicherweise kaum anzufinden. Auf weitere Vorsingabenteuer hat Teresa nach diesem Erlebnis verständlicherweise lieber verzichtet. Sie gefiel sich lieber in der Rolle als Beobachterin, Förderin und Lehrerin.

Trauerfeier – Ansprache Lutz Herber

Der Schriftsteller Matthias Claudius schreibt in seinem Gedicht Abendlied:

„Siehst du den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.“

Einige von uns mögen Teresa Gebauer nur kennengelernt haben, wie sie als Solistin oder als Chorsängerin auf der Bühne stand und mit ihrer Sopranstimme die Zuhörer begeisterte – mit einem Abendkleid angetan. Und wenn Sie sie vielleicht vierzehn Tage später im Gemeindehaus getroffen hätten – mit Jeans, Pullover, Staubsauger und Putzeimer –, hätten Sie sie vielleicht gar nicht wiedererkannt. Das war auch eine andere Hälfte dieses Mondes, den wir vielleicht nicht gesehen haben.

Teresa Gebauer Wang war eine tiefgläubige Mormonin, und sie sah den Zweck ihres Lebens nicht darin, mit ihren musikalischen Talenten zu kokettieren, sondern sie sah den Lebensinhalt darin, für andere da zu sein, anderen zu dienen, auch – natürlich – mit ihren musikalischen Talenten, aber eben auch dienen in Form von etwas in die Hand nehmen und auch weniger wertgeschätzte Arbeiten und Aufgaben zu erfüllen. Sie war sich dessen bewusst, dass dieses Leben die Zeit ist, wo wir uns vorbereiten, dermaleinst unserem Schöpfer wieder zu begegnen. Darüber hinaus war sie in unserer Gemeinde auch als Lehrerin berufen, als Lehrerin für Kinder einer bestimmten Altersstufe – so ungefähr fünf- oder sechsjährige Kinder sind das gewesen, die sie sehr liebevoll jeden Sonntag in Evangeliumsgrundsätzen unterrichtete. Und sie hatte nicht nur die Kinder in ihr Herz geschlossen, sondern auch die Kinder hatten sie lieb und sind am vergangenen Sonntag, als sie erfuhren, dass ihre geliebte Teresa nicht mehr da ist, in Tränen ausgebrochen. Und einer ihrer Schüler, der sechsjährige Jannis, hat ihr ein Bild gemalt zum Abschied, ein Bild von diesem heutigen Tag, von der anschließenden Beerdigung, die stattfinden wird, und er hat erklärt, was er dargestellt hat: Es ist die Teresa bei der Beerdigung mit einer weinenden Sonne und weinenden Menschen, die Teresa zu Grabe tragen. Teresa aber lacht, weil sie Jesus sieht! Sie sieht ihn. Der wunderbare evangelische Theologe Dietrich Bonhöfer schreibt in seinem Gedicht Von guten Mächten unter anderem:

„Von guten Mächten wunderbar geboren, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns, am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Diese Gewissheit hat ihr Leben bestimmt: dass sie eingehüllt ist in die Liebe eines liebenden Vaters im Himmel und seines Sohnes Jesus Christus.

Und diese Liebe hat sie nach außen getragen. Sie hat mit Menschen über ihren Glauben gesprochen und hat Menschen in ihren Bann ziehen können – durch ihren Glauben. So war sie auch hier in unserer Gemeinde an bestimmten Tagen da, um Besucher unserer genealogischen Bibliothek in das Haus zu lassen und ihnen, wenn es notwendig war, die nötige Hilfe bei ihren Ahnenforschungen zu geben. Und eines dieser Ehepaare hat mir gestern ein Beileids-E-Mail geschrieben. Und ich darf kurz ein paar Zeilen aus diesem E-Mail zitieren. Sie schreiben:

„Wir haben Frau Gebauer Wang im Rahmen der Genealogie kennengelernt und schätzen gelernt. Ihre freundliche Art, die wundervollen Gespräche und Plaudereien und ihre Hilfsbereitschaft werden wir sehr vermissen. Wir sind sehr dankbar, dass wir sie kennenlernen durften.“

Sie ist jetzt in eine andere Daseinssphäre hinübergegangen, wo sie von guten Mächten wunderbar geborgen ist und darauf wartet, dermaleinst mit ihrem Mann Wolfgang wieder für immer zusammen zu sein. Dieser wunderbare Glaube dieses sechsjährigen Jannis, der das Bild gemalt hat, ist uns ein Beispiel und Muster. Kinder sind etwas Großartiges. Ihre einfache Art zu glauben und nicht alles zu hinterfragen und für alles eine Antwort wissen zu wollen, sondern einfach nur etwas annehmen zu können, um zu wissen dass es so ist, sollte uns ein Beispiel sein. Jesus Christus hat einmal ein Kind in die Mitte einer Menschenmenge gestellt und hat gesagt:

„Wenn ihr nicht … [so rein und gläubig] wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18:3.)

Teresa hatte diesen im positiven Sinne kindlichen Glauben. Und in ihren schweren Wochen der Krankheit hat sie nie das Vertrauen in die Liebe Gottes verloren. Und heute nun verabschieden wir uns von ihr, aber auch wissend, dass für uns einmal diese Stunde kommen wird. Und dann hoffe ich, dass wir sagen können, wir haben uns bemüht, ein gutes Leben zu leben, wir haben unseren Nächsten geliebt. Und wie wir wissen, stehen wir nur im Dienste unseres Gottes, wenn wir im Dienste unserer Mitmenschen stehen. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Trauerfeier – Teresas Leben Teil 4

Eingangs wurde die Frage aufgeworfen, warum Teresa nicht ihre Energie auf eines ihrer zahlreichen Talente konzentriert hat, um damit wirkliches Aufsehen erregen zu können. Was etwa ihre Stimme anging, fühlte ich mich immer an Maria Callas erinnert. Sie musste nur einen einzigen Ton singen, und man wusste sofort: das war sie. Die Callas war, was Gesangstechnik, Stimmfarbe und Ausstrahlung angeht, Teresas einziges Vorbild. Interessanterweise wurde Maria Callas nur wenig älter als Teresa, doch starb sie als einsame und unglückliche Frau. Teresa hat hingegen, soweit ich das beurteilen kann, ein glückliches und erfülltes Leben gehabt. Sie hätte niemals mit Maria Callas tauschen wollen, die zwar den Applaus der Welt bekam, aber unglücklich war, weil sie alles dem einen Ziel unterordnen musste, nämlich ein Weltstar zu werden.

Die Antwort auf die Frage ist vielschichtig, aber es steht ein Prinzip dahinter: Teresas Tagebucheinträge legen nahe, dass sie viel Zeit dafür aufgewendet hat, ihren Charakter zu veredeln und christliche Eigenschaften zu entwickeln, die sie näher zu Gott bringen. Sie war stets beseelt davon, seinen Willen in Erfahrung zu bringen und ihn dann auch in die Tat umzusetzen, ohne lange zu fragen.

Sie hatte ohne jeden Zweifel aufrichtige Freude daran, wenn sie anderen dabei helfen konnte, ihre Talente zu entwickeln. In ihrer Zeit als Pfahl-Musikverantwortliche rief sie vieles ins Leben, was bei allen Beteiligten nachhaltige Begeisterung hervorgerufen hat. So rief sie etwa zur selben Zeit, als der Kammerchor Vocalis gegründet wurde, das Deseret Vokalensemble ins Leben. Es sollte den Zweck verfolgen, die Gemeinden im ganzen Pfahlgebiet bei musikalischen und auf Missionsarbeit ausgerichteten Veranstaltungen zu unterstützen und zu stärken. Über viele Jahre hatte das Ensemble zahlreiche Auftritte in allen Gemeinden des Pfahls. Das Deseret Vokalensemble wurde beinahe ausschließlich von Teresas Energie angetrieben und von der Begeisterung der Beteiligten getragen. Sie plante akribisch die Proben und stellte sicher, dass jeder, der mitmachte, bei Laune blieb. Immer brachte sie etwas Leckeres zum Essen zu den Proben mit. Unermüdlich rackerte sie sich ab, um möglichst vielen Menschen eine Freude machen zu können und ihnen das Samenkorn des Evangeliums ins Herz pflanzen zu können.

Später dann rief sie die legendären Musical- und Filmmusikabende ins Leben. Sie schaffte es, eine Vielzahl unterschiedlichster Charaktere zum Mitmachen zu bewegen und bezog vor allem die Jugendlichen ein. Ihre Organisationskünste werden für immer unvergessen bleiben. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie immer wieder mit relativ geringem Probenaufwand und in einer Zeitspanne von wenigen Monaten ein Ereignis auf die Beine gestellt werden konnte, das Jung und Alt gleichermaßen in seinen Bann zog.

Teresa stand immer für Begeisterung. Sie war der begeistertste Mensch, dem ich jemals begegnet bin und lebte für ihre rechtschaffenen Ziele.

Das vielleicht herausragendste Wesensmerkmal von ihr war ihre Fähigkeit, in die Seele anderer Menschen blicken und aufrichtig empfundene Freundschaft schließen zu können. Diese Zuneigung brachte sie dazu, ihren Mitmenschen vom Evangelium zu erzählen. Sie war an zahlreichen Bekehrungen beteiligt, ohne dass sie zugegeben hätte, dass sie etwas mit ihr zu tun haben könnten. Lieber hielt sie sich im Hintergrund, so wie sie auch fast nie solistisch als Sängerin in der Kirche zu hören war. Immer ließ sie anderen den Vortritt.

Die letzten drei Wochen ihres Lebens müssen für Teresa sehr schwer gewesen sein. Ihr Körper verlor beinahe täglich an Kraft und Bewegungsfähigkeit, ihre Sprachfähigkeit wurde zusehends beeinträchtigt, zum Schluss war sie hilflos wie ein kleines Kind und musste gefüttert werden. Doch aß und trank sie viel zu wenig, als dass ihr geschundener, schmerzender Körper wieder jemals hätte zu Kräften kommen können. Ich war rund um die Uhr bei ihr und wurde nur von einem Wunsch beseelt: ihr zu dienen und ausschließlich für sie da zu sein. Sie ist schließlich am Donnerstag, den 6. März 2014 um 2 Uhr morgens friedlich in meinen Armen eingeschlafen. Sie verspürte keine Schmerzen und ging mit einem Lächeln in die Ewigkeit über.

Ein paar Wochen zuvor, als sie in der Krebsklinik im Pfälzer Wald auch bereits von heftigen Schmerzen heimgesucht wurde, hat sie ein Lied geschrieben, das ich in einem Notenheft fand, das in ihrem Zimmer auf dem Tisch lag. Melodie und Text legen Zeugnis ab von ihrem außergewöhnlichen Talent, von dem heftigen Kampf, den sie ausgefochten hat und von der Hoffnung, ihre himmlische Heimat wiederzusehen. Dieser sehnliche Wunsch ist ihr nun erfüllt worden.

 Hier geht’s zu den MP3-Aufzeichnungen der Trauerfeier mit Teresas Komposition Ich komm aus einer Welt.

Trauerfeier – Teresas Leben Teil 3

Teresa war ein Familienmensch. Ihre Familie lag ihr sehr am Herzen, und da die Familienforschung in der Kirche eine große Rolle spielt, wollte sie unbedingt ihre Familie in China ausfindig machen. Nach dem Wegzug aus China gab es keinerlei Verbindungen mehr zur verbliebenen Familie. Es folgt nun ein Bericht aus Teresas eigener Feder, der ursprünglich für die Veröffentlichung im Liahona gedacht war:

Für immer vereint

Ich bin in einer traditionellen, buddhistischen Familie in Taiwan aufgewachsen. Bereits in meiner Jugendzeit war ich auf der Suche nach dem wahren Schöpfer. Mit achtzehn fand ich die Kirche Gottes und entschloss mich bald zur Taufe. Wie viele andere bekehrte Mitglieder in Taiwan stand auch ich nach der Taufe vor einer Menge Herausforderungen. Meine Brüder meinten, ich hätte unseren Ahnen gegenüber etwas Schändliches getan, weil ich mich einer ausländischen Kirche angeschlossen hatte. Auch meine Mutter war nicht ganz einverstanden mit meiner Entscheidung, hatte jedoch wegen der Anschuldigungen meiner Brüder Mitleid mit mir. So verging ein ganzes Jahr, bis meine Mutter unheilbar krank wurde.

Während ihrer Krankheit sprach sie häufig über ihre Familie in China, die sie seit der Zeit, da sie China verlassen musste, nie wieder gesehen hatte und zu der sie aufgrund der politischen Umstände keine Verbindung haben konnte. Ich spürte, wie groß ihre Sehnsucht nach ihrer Familie in der alten Heimat war. Damals war ich aber zu jung, um die Bedeutung all dessen zu verstehen, was sie bewegte. Sie war kein Mitglied der Kirche, doch war sie eine tugendhafte Frau. Nachdem mein Vater bereits zehn Jahre zuvor schwer erkrankt und von dieser Welt geschieden war, hielt sie die Familie zusammen. Sie war die beste Mutter, die ich mir vorstellen konnte, und sie widmete ihren Kindern bis zum Ende ihres Lebens alles, was sie hatte. Das schönste und letzte Erlebnis, das ich mit ihr haben durfte, war an einem Tag kurz vor ihrem Tod, als sie voll Schmerzen im Bett lag. Ich fragte sie, ob sie mit mir beten würde, denn der Gott, an den ich glaube, könne ihre Schmerzen lindern. Sie war einverstanden, und so haben wir gemeinsam unser erstes und letztes Gebet gesprochen. Nach dem Gebet konnte sie ruhig schlafen. Ein paar Tage später ging sie in Frieden in die Geisterwelt über.

Als neues Mitglied der Kirche lernt man, dass man nach seinen Vorfahren forschen und für die verstorbenen Familienmitglieder im Tempel heilige Handlungen vollziehen soll. Das tat ich auch für meine Eltern. Danach dachte ich mir, meine Aufgabe sei erfüllt, da ich nicht wusste, wie ich meine Ahnenforschung hätte fortsetzen können. Die Informationen, die meine Eltern hinterlassen hatten, waren leider nur äußerst spärlich.

Dann kam ein Wendepunkt, denn der Herr ließ mich wissen, dass es noch längst nicht ausreichte, was ich für meine Ahnen getan hatte.

Im Jahr 2003 sprach Präsident James E. Faust bei der Herbst-Generalkonferenz über Ahnenforschung. Seine Worte drangen tief in mein Herz und ließen mich nicht mehr los. Ich hatte das Gefühl, dass er besonders zu mir gesprochen hatte. Ständig musste ich an meine Verwandten in China und an meine Mutter denken. Mir war klar, dass ich etwas unternehmen musste. Erfreulicherweise waren sich zu diesem Zeitpunkt die Volksrepublik China und Taiwan politisch näher gekommen. Es war taiwanesischen Bürgern erlaubt aufs Festland zu reisen, um dort ihre Verwandten zu besuchen. Die Regierung auf dem chinesischen Festland hatte eine Dienststelle eingerichtet, an die sich Taiwanesen wenden und Hilfe erhalten konnten, um ihre Verwandten in China zu finden. Also plante ich meine erste Ahnenforschungsreise nach China.

Im Frühjahr des Jahres 2004 traf ich in der Heimatstadt meiner Eltern ein, in Wuhan. Mit der Hilfe der besagten Dienststelle machte ich die Gegend ausfindig, wo meine Eltern früher gelebt hatten. Die Namen der Ortschaften hatten sich jedoch geändert, und während der Kulturrevolution waren viele genealogische Aufzeichnungen vernichtet worden, was die Sache noch schwieriger machte. Ich musste immer an Nephi denken, der immer fest entschlossen war, die Gebote zu halten: „Der Herr gibt den Menschenkindern keine Gebote, ohne ihnen einen Weg zu bereiten, damit sie das vollbringen können, was er ihnen gebietet.“ (1Nephi 3:7.) Also ging ich auf der Suche nach meinen lebenden Verwandten Schritt für Schritt von Dorf zu Dorf. Nach einer Woche fand ich endlich die Straße, wo mein Vater gelebt hatte. Ein Greis saß am Straßenrand. Ich erkundigte mich bei ihm nach meiner Familie. Plötzlich sah er mich mit strahlenden Augen an und fragte: „Weißt du, wer ich bin? Ich bin dein Onkel, der Bruder deines Vaters.“ Er erzählte mir vieles über meine Eltern und stellte mir seine ganze Verwandtschaft vor. So nahm das Ahnenforschungswunder seinen Anfang.

Ein Jahr später setzte ich meine Familienforschung fort. Mit der Hilfe meiner lebenden Verwandten in China fand ich in einem abgelegenen Ort mehrere Ahnenbücher, worin Herkunft und Geschichte der Familie meines Vaters über einen Zeitraum von mehr als 300 Jahren verzeichnet waren. Ich war überglücklich, aber meine Vorfahren mütterlicherseits waren nicht zu finden. Die Dienststelle versprach mir, nach meiner Abreise aus China weitere Nachforschungen über die Familie meiner Mutter anzustellen.

Mehrere Jahre vergingen, doch von den chinesischen Behörden hörte ich nichts. Meine Sehnsucht, endlich etwas über die Familie meiner Mutter in Erfahrung zu bringen, wurde immer größer. Anfang 2011 entschloss ich mich, wieder nach China zu reisen, um den jüngeren Bruder meiner Mutter zu finden. Aber wohin sollte ich gehen? Wie konnte ich das nur bewerkstelligen? Vor der Abreise bat ich meinen Mann, mir einen Priestertumssegen zu geben. Dann trat ich voller Vertrauen meine Reise an, hinein ins Ungewisse.

Ich wusste, dass mein Großvater – der Vater meiner Mutter – in seiner Heimat aufgrund seiner Hilfsbereitschaft sehr angesehen war. Es musste jemanden geben, der von ihm gehört hatte, oder es mussten sich irgendwelche Spuren finden lassen, die mich zu seinen Nachkommen hinführen konnten. Ich entschloss mich, die Dienststelle noch einmal aufzusuchen. Die Beamten berichteten mir, dass sie niemand hatten ausfindig machen können und entschuldigten sich, dass sie nicht mehr für mich tun konnten. Mit großer Enttäuschung verließ ich die Behörde. Verzweifelt fragte ich den Vater im Himmel: „Was soll ich tun? Soll ich aufgeben? Wenn du nicht möchtest, dass ich aufgebe, wohin soll ich gehen?“ Zur selben Zeit sah ich, wie sich ein paar Menschen auf der Straße angeregt unterhielten. Ich bat sie um Auskunft über meine Familie. Sie diskutierten kurz miteinander, dann erwiderte die älteste der Frauen: „Lauf am besten zurück, etwa hundert Meter entfernt auf der rechten Seite der Straße wohnt ein alter Mann, vielleicht weiß der Bescheid.“ Ich tat, was sie mir geraten hatte. Tatsächlich war da ein Mann, der mit einigen anderen Gästen im Haus Majiang spielte. Wir unterhielten uns draußen ein paar Minuten, doch stellte ich bald fest, dass ihm mein Großvater unbekannt war. Gerade wollte ich wieder gehen, als eine hochbetagte Frau, die drinnen am Spieltisch saß, ausrief: „So einen Mann kannte ich, seine Enkelkinder wohnen in der Nähe.“ Das machte mich überglücklich. Bald schon hatte ich eine meiner Cousinen gefunden. Durch sie konnte ich mit dem jüngeren Bruder meiner Mutter Kontakt aufnehmen. Er erzählte mir, wie sehr er uns vermisst hat. Zweimal war er nach Taiwan gereist und hatte vergeblich versucht, uns ausfindig zu machen. Voll Freude musste ich daran denken, was mir in dem Segen, den ich vor meiner Reise empfangen hatte, verheißen worden war: „Deine Ahnen werden dich führen, und du wirst sie finden.“ Ich musste auch an die Schriftstelle denken, die ich an jenem Morgen gelesen hatte: „Und dann wird die Macht des Himmels unter sie herabkommen; und auch ich werde inmitten sein. … Ich werde vor ihnen hergehen, spricht der Vater, und ich werde ihre Nachhut sein.“ (3 Nephi 21:25-29.) Plötzlich verstand ich, wie das Werk des Herrn auf der Erde verrichtet wird. Wir arbeiten nicht nur mit den Lebenden, sondern auch mit den Verstorbenen im Jenseits und mit den Engeln. Durch das Priestertum sind wir miteinander verbunden und aufeinander angewiesen. So reichen wir einander die Hand und helfen uns gegenseitig.

Die Worte von Maleachi sind wahr. Durch das Evangelium Jesu Christi wird die wahre Bedeutung der Familie offenbart. Durch die Macht des Himmels wird die Kluft zwischen Leben und Tod überbrückt. Ohne die Hilfe Gottes sind wir wahrhaftig verloren. Er versetzt uns in die Lage, unsere Familie mit anderen Augen zu betrachten, so dass sich unser Verständnis für das Band der Liebe zwischen den Familienmitgliedern erweitert. Welche große Hoffnung und Freude werden uns doch zuteil, wenn unsere Liebe dadurch, dass wir unser Herz unseren Vorfahren zuwenden, immer mächtiger wird. Der Herr hat uns durch seine wiederhergestellte Vollmacht ermöglicht, für sie stellvertretende heilige Handlungen im Tempel zu vollziehen. Hierdurch können wir gemeinsam mit ihnen die größte Freude empfinden, die der Herr seinen Kindern verheißen hat. Diese Erkenntnis stimmt mich demütig und dankbar.

Das Stück, das jetzt folgt, ist das Recordare aus dem Requiem von Mozart. Recordare heißt erinnern, und ich erinnere mich gern daran, wie ihre engelsgleiche Stimme über den anderen Stimmen geschwebt hat.

Hier geht’s zu den MP3-Aufzeichnungen der Trauerfeier mit dem Recordare aus Mozarts Requiem.